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Ilmari Hannikainen (1892–1955):

Klavierquartett fis-Moll op. 2 (1913)

Das Klavierquartett in fis-Moll op. 2 von dem finnischen Komponisten Ilmari Hannikainen ist nie veröffentlicht worden. Was die finnischen Romantiker betrifft, ist dies eher die Regel als die Ausnahme. In Finnland gab es nur wenige Musikverleger, und die mitteleuropäischen Verlage lagen weit entfernt. Sogar einige der großen Werke Sibelius’ sind erst in den letzten Jahrzehnten gedruckt worden. Das Klavierquartett Hannikainens existiert in zwei Versionen (die erste, skizzenhafte Version wurde mit Bleistift und die endgültige Version mit Tinte geschrieben). In der späteren Version gibt es auch zahlreiche Korrekturen und Erläuterungen vom Bruder des Komponisten, Väinö Hannikainen. Eine Seite am Ende der Exposition des ersten Satzes wurde deutlich mit anderer Handschrift und in unterschiedlichem Stil geschrieben: Es ist zu vermuten, dass sie ganz von Väinö Hannikainen verfasst wurde.

Der erste Satz des Klavierquartetts von Hannikainen wurde laut Partitur „am 15.V.13 um 4 Uhr morgens“ fertiggestellt. Hannikainen war zu jener Zeit 20 Jahre alt. Seine Klaviersonate op. 1 hatte im Konzert des Musikinstituts in Helsinki 1912 große Begeisterung geweckt, und der Pianist hatte 1913 in Jyväskylä debütiert. Danach stellte er das Klavierquartett fertig, das als so gelungene Komposition angesehen wurde, dass Hannikainen ein Stipendium für das Studium in Klavier und Kontrapunkt in Wien bekam.

Die Tonsprache des Klavierquartetts von Hannikainen weist auf die Einflüsse russischer Komponisten hin, besonders auf jene von Rachmaninow und Tschaikowsky. Auf der anderen Seite bringt die Modalität – die dorische Kirchentonart – des Hauptthemas der Komposition eine finnisch-nationalistische Nuance, die auch auf Einflüsse von Sibelius hinweisen könnte. Der virtuose Klaviersatz ist pianistisch geschrieben und wegen der Dicke der Textur umfasst er wohl zumindest ebenso viele Noten wie manche klassisch-romantischen Klavierkonzerte. Der Einsatz der Streichinstrumente ist ebenfalls üppig; jeder Musiker hat auch solistisch die Möglichkeit zur Entfaltung. In diesem Sinne ist das Klavierquartett gelungene, vollwertige Kammermusik.

Das romantische Hauptthema wird im ersten Satz vom Klavier eingeführt: Zuerst in Begleitung der Streichinstrumente und danach von allen Instrumenten gemeinsam. Das nach einer brillanten Überleitung erklingende, singende Seitenthema in D-Dur bietet dem Cellisten und dem Bratschisten eine vorzügliche Möglichkeit zur solistischen Auskostung. Die Durchführung schafft für einen Moment eine geheimnisvolle Stimmung und mündet nach dem Höhepunkt in eine Fuge. Das Besondere an dieser Fuge ist, dass die Streichinstrumente und das Klavier in verschiedenen Tonarten spielen: Die Streichinstrumente beginnen die thematischen Einsätze in b-Moll, während das Klavier das augmentierte Hauptthema nach fis-Moll transponiert. Die ausgedehnte Reprise mit ihren feinen Cellorezitativen lässt den Satz stürmisch enden.

Der zweite Satz steht in A-B-A-Form: Dem lyrischen, in Des-Dur komponierten A-Teil des Anfangs folgt ein Zwischenteil (B-Teil), der in cis-Moll spielt. Danach wird das Material des Anfangs wiedergeholt. Von seiner Stimmung her erinnert der A-Teil an einige langsame Klavierpräludien Rachmaninows: Das könnte an der Verwendung des dies irae-Motivs liegen, das auch in den Kompositionen Rachmaninows üblich war. Dieses Motiv, das aus dem Requiem der katholischen Kirche stammt, verleiht dem sonst so abgeklärt in glücklichem Des-Dur glühenden A-Teil eine seltsam tragische Färbung. Der B-Teil ist eine stilisierte Sarabande, die sich aus der barockartigen Stimmung des Anfangs hinaus zu einem romantisch flammenden Höhepunkt erhebt. Nach einem entfernten, impressionistischen Übergang kehrt der A-Teil still-glänzend zurück.

Vorbild des dritten Satzes könnte möglicherweise Grieg sein: Die Staccato-Sprünge der linken Hand des Pianisten, die launenhafte Melodie und die schnellen Läufe erinnern vor allem an das Finale des Klavierkonzerts des norwegischen Komponisten. Das süße, spieldosenhafte Nebenthema des sonatenförmigen Satzes steht in Des-Dur. Das umfangreiche Finale enthält mehrere thematische Hinweise auf vorherige Teile und endet mit durch das Dur hell gewordenen Tönen des Hauptthemas des ersten Satzes.

Nachdem Hannikainen das Klavierquartett komponiert hatte, studierte er u.a. in St. Petersburg bei Alexander Siloti und in Paris bei Alfred Cortot. Die internationale Karriere Hannikainens währte Jahrzehnte. Er wurde auch Professor für Klavier an der Sibelius-Akademie. Viele von Hannikainens ehrgeizigen und melodisch ansprechenden Kompositionen sind immer noch nicht herausgegeben worden, obwohl sie zweifellos zu den Perlen der großen Werke der finnischen Romantik gehören.

© Terhi Dostal 2008